Super 8

Abschiedsworte

Mit der vierten und letzten Ausgabe 1987 wird Die Leinwand eingestellt

Archiv Teubig

Aus „Die Leinwand“ – Ausgabe 4/1987

Freunde… Das war's…

Wer den Titel der LEINWAND-Ausgabe 4/87 aufmerksam studiert hat muß ins Stutzen gekommen sein. Da heißt es nämlich unter so vielen illustren Filmtiteln auch DIE LEINWAND – THE END.
Ja, wir müssen der bitteren Wahrheit ins Auge sehen: das was Sie jetzt in den Händen haben ist die letzte LEINWAND. Wir schließen nach ziemlich genau vier Jahren DIE LEINWAND ab – es ist zuende!

Ein Schock – für Viele wie ich ahne, ja; eine Überraschung? Sicher nicht. Wie schon in den LEINWAND-NACHRICHTEN 3/87 angekündigt lief in der Zwischenzeit bei einem ausgesuchten Leser-Potential eine Umfrage die klare Antworten haben wollte. Vor allem auf die wichtigste Frage ob man DIE LEINWAND auch 1988 weiter abonnieren würde. Das Ergebnis: von nur mehr knapp 500 Lesern die bisher konstant die Treue gehalten haben würden nach den vorliegenden Ergebnissen noch vielleicht 200 – 250 Leser (und da sind die Stammleser vom ersten Heft an schon eingerechnet) sich für ein neues ABO entschließen. Dabei bedauerten gut 97 % (und das ist viel…) das sie die LEINWAND unübertroffen gut fänden,sie für das beste (und wohl auch einzig akzeptable) Magazin der Heimkino-Szene halten und das es auf einen Nenner gebracht einfach nichts anderes gäbe. A b e r : die gleichen Leute bedauerten nicht wieder abonnieren zu können weil sie zwischenzeitlich auf „Video“ umgestiegen seien bzw. im Heimkino-Hobby keine Zukunft mehr sehen würden. Hauptgrund (80 %): keine neuen Filme mehr in Super-8 und wenn dann zu teuer, zu schlecht oder einfach uninteressant. Genau jene Gruppe ist das die seit etwa 1985 nach und nach zu uns stieß;Leute die mit dem Hobby gerade anfingen oder in Video keine Alternative sahen. Nun ist für sie „Video“ als einzige Alternative übrig geblieben. Nur ein verschwindend geringer Prozentsatz der Befragten von etwa 15% machte inzwischen Beides: Schmalfilm (S-8 und 16mm) und Video. Nach langen Querrechnungen des Computers und nach vorsichtiger Einschätzung der Sachlage konnten wir per Stichtag 6.12.87 davon ausgehen das im günstigsten Falle 230 Leser bzw. Abonnenten auch 1988 wieder dabei sein wollten. Das ist ganz einfach zu wenig. Denn: die Arbeit (und letztendlich auch die Kosten) werden mit abnehmender Leserzahl nicht niedriger, sondern höher. Bei den jeweils scharf kalkulierten ABO-Preisen der letzten Jahre ist hier niemand „fett“ geworden und ein Mercedes steht von den Nettogewinnen der LEINWAND auch nicht vor der Tür der Kohlwinklstrasse 26 a in Weilheim!

So bleibt also nur der Rückzug aus einer Szene die jetzt um ein Informationsmedium ärmer ist.

Natürlich hätte sich die Möglichkeit angeboten im Stil der 1987 eingeführten LEINWAND-NACHRICHTEN eine „lose Blätter“ Publikation herauszubringen. Nur – wer will den für solche Informationen die genauso recherche- und kostenintensiv sind wie für ein „festes“ Heft auch noch Geld bezahlen? Außerdem: wer mit gebundenen Karton-Ausgaben anfängt sollte nicht qualitativ abspecken und sowohl inhaltlich als auch Qualitativ „dünner“ werden. Das war schon immer der „schleichende Tod“ von Filmzeitschriften aller Art vom „Retro-Filmjournal“ über „Dark Crystal“ oder andere Publikationen die man mit der LEINWAND annähernd vergleichen könnte. Nach dem Motto „lieber ein Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende“ wurde so der Entschluß gefaßt das LEINWAND-ENDE einzuläuten.

Bei Ihnen liebe Leser, wird es jetzt viele „Weh‘ und Ach’s“, Rettungs vorschläge und Ideen geben wie man „doch…“. Ich darf Ihnen verraten daß ich alle diese Ideen garantiert schon hatte, ventilieren und abwägen konnte. Sie haben alle zum gleichen Ergebnis geführt: es geht nicht mehr. Ich will Ihnen – weil ich weiß das diese Antwort zu einfach klingt – noch ein paar mehr Gründe nennen warum es.nicht mehr weitergehen kann:

Der erste Grund ist der,das es effektiv zuwenig oder gar keine Filme mehr gibt. Ich spreche nicht von Trailern, Cartoons und Schnittfassungen oder Filmen in voller Länge. Da kommt immer mal etwas, aber nicht genügend. Es gibt keinen Markt für Super-8 mehr. Das was es da noch gibt sind mehr oder minder erfolgreiche Versandhändler die mit dem Wenigen was herauskommt kaum lohnende Geschäfte machen können. Bei aller Liebe: es konzentriert sich doch -wenn man genau hinsieht- auf die wenigen und nie pünktlichen Veröffentlichungen von Derann-Films oder den zwei bis drei zumindest auf dem Papier noch existierenden US-Händlern. Sie alle geben an ihre „Kunden“ Kataloglisten oder gar zeitschriftenartige Hauskataloge (vorbildlich z.B. bei Derann) heraus die Sie umsonst bekommen! Was soll da noch eine „Zeitschrift“?

Es sind fernerhin offene Geheimnisse das sowohl die Firma Derann als auch andere Vertriebe ernsthaft darüber nachdenken Super-8 gänzlich aufzugeben. Die Kosten stehen in keinem Verhältnis zum Ertrag mehr. Das was man durch evtl. günstigen Dollarkurs bei Importware verdienen kann zahlt man beim nächsten Full-Lenght-Feature wieder drauf. Das Geschäft mit Super-8 ist ein „Hand in den Mund“-Geschäft ohne Perspektiven geworden. Was die Kostenlawine (die nicht kalkulierbar ist) angeht, so kann Ihnen Dietrich Kempski ein ausführliches Lied darüber singen was es bedeutet heutzutage „neue“ Filme in Super-8 (und das unabhängig vom Cinemascope-Format) herauszubringen. Apropos Kempski. Auch er trägt sich immer ernsthafter mit dem Gedanken das relationslose Super-8-Geschäft 1988 aufzugeben. Auch er hat zu hohe Kosten, viel zu viel Ärger für „nichts“ und kaum Gewinne für die es sich lohnt, all‘ das auf sich zu nehmen.
Fazit: keine Filme – keine Besprechungen mehr. Was soll da noch eine „Zeitschrift“!

Wir können und wollen nicht wegen vielleicht 3 neuen Trailern einem Disney-Cartoon und einem zufällig hereingeschneiten Full-Lenght-Film (die man sämtlich auf maximal 3 Seiten ausführlich abhandeln kann) ein Heft mit 40 – 60 Seiten machen. Wenn das „Eigentliche“ um das es geht, entfällt, interessiert niemand wie man eine Vorhangzugmaschine baut oder welcher Projektor zu empfehlen ist. Das Heimkino lebt vom Futter, und das Futter ist ausgegangen. Da kann ich Spulenaufsätze für 1000 Meter Film haben, einen Xenonprojektor benützen und ein vollautomatisches Kino mein Eigen nennen: es kommt kaum Neues was diesen Aufwand lohnt.Es gäbe noch genug Themen die sich um das Heimkino (vor allem auch um 16mm und 35mm) drehen, aber das wäre eine einseitige Interessenverlagerung. Sprächen wir nur die 16 & 35er Leute an, wären wahrscheinlich noch 50 Abos im deutschsprachigen Raum zu verkaufen.
Was soll da noch eine Zeitschrift?
Alle diese Aussagen sollen Sie die uns bisher die Treue gehalten haben nicht verunsichern – es sind Tatsachen die die ständige Arbeit an dieser Publikation mit sich gebracht hat. Das Thema Werbung/Insertionen können wir auch ausklammern. Die gewerblichen Anzeigen in der LEINWAND waren immer als Geld-Zubrot gedacht, nie als Geldquelle wie das sonst bei Zeitschriften so üblich (und nötig) ist. So hat sich DIE LEINWAND selbst überlebt und denkt daran würdig zu sterben. Einen Grund zum Weinen gibt es nicht. Denn – es wird immer weitergehen mit dem Heimkino, mit Super-8, 16 und 35mm. So wie die Musikcassette nicht die Langspielplatte vertränken mochte, und die CD die Analog-LP, so wird Video (als Hauptschuldiger) nie Super-8 bzw. das Zelloulloid verdrängen.

Auch ich werde natürlich bei diesem Hobby bleiben; es ist sowieso für einen Filmjournalisten mit Gottseidank blendender Auftrags-Situation ein Teil seines „Berufes“. Vielleicht habe ich jetzt sogar ein bisschen mehr Zeit für mein Hobby? Wieviele Abende (zum Beispiel diesen, an dem ich dieses Editorial schreibe) hat es gegeben an denen ich lieber „Kino“ für mich anstatt Pflichtvorführung mit schriftlicher Kritik veranstaltet hätte.

Ich gebe aber der Fairness wegen auch zu, das das Zeitproblem in meinem Falle ungeahnte Dimensionen angenommen hat. Als Medien-Mensch von Kindesbeinen an habe ich mich (vorerst) auf dem Rundfunk-Sektor den sogenannten „Neuen Medien“ verschrieben. Neben meiner Tätigkeit als Filmjournalist auf mehreren Ebenen bin ich seit 1986 erfolgreich als Redakteur und Studioleiter bei dem Münchner Privatsender RADIO CHARIVARI tätig. 1988 werde ich ab ca. März als Programm-Direktor für insgesamt 5 Privatstationen in Südbayern meine Arbeit fortführen . Das wird mehr als ein Full-Time-Job, der es jetzt schon ist, werden. Klar das sich hier ein Kreislauf schließt: sämtliche Stationen werden von mir u.a. auch mit einer Film-Sendung beliefert werden. 2 Fernsehfrequenzen für private Anbieter sind in diesem Monat verfügbar geworden. Auch hier eröffnen sich neue Perspektiven denn Privates Fernsehen wird viel „Film“,“Programm“,“PR“ u,ä. benötigen.

DIE LEINWAND habe ich immer gern und mit Enthusiasmus gemacht. Auf (beinahe) jeder Seite habe ich „Herzblut“, Überzeugung und Wahrheit festgehalten; ein guter Weg wie die Reaktion der Leser zeigte. Ein Weg, der jetzt zuende gegangen worden ist.

Doch Halt: DIE LEINWAND muß nicht sterben wenn das Schicksal es nicht will! Ich bin bereit gegen eine entsprechende Ablösesumme den gesetzlich geschützten Titel DIE LEINWAND, den gesamten Verlag, die Manuskripte, Vorlagen Infos usw. samt dem sicher interessanten Adressenstamm zu veräußern. Es wäre mir eine Beruhigung und Genugtuung zu wissen das jemand oder eine Gruppe von Leuten DIE LEINWAND in meinem Sinne fortführt. Es sei jedoch darauf verwiesen das das eine Drahtseil-Gratwanderung ohne Netz und doppelten Boden sein wird – siehe oben!

So – damit ist alles gesagt – und – mir ist leichter ums Herz. Auch wenn Sie das Bedürfnis verspüren mich anzurufen und ggf. umzustimmen – bitte tut es nicht; es würde am Entschluß nichts ändern und mir das erleichterte Herz nur wieder schwerer machen. Geniessen Sie das letzte Heft (die LEINWAND-NACHRICHTEN 4/87 entfallen – dafür ist dieses Heft um gut 10 Seiten dicker) und freuen Sie sich an dem was es da zu lesen gibt.
Mit der LEINWAND, gerechnet von der Null-Nummer 1983 an, haben Sie eine Fundgrube an Informationen wie es sie auf diesem Gebiet nie mehr geben wird! In diesem Sinne –

Ihr für Ihre Treue dankbarer Michael Teubig.

„Die Leinwand“ Ausgabe 4/1987

Laden Sie hier die komplette Ausgabe, aus der dieser Artikel entnommen wurde, als PDF:

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