Der Beginn des Heimkinos

Als die Bilder noch liefen...

Filmkopien auf Super 8 - ein Bogen vom Beginn in den 1960ern bis heute.

Das „Kino zuhause“ im Wohnzimmer gab es bereits vor der Videokassette

Corona ließ Besuche im Kino langsam zu verschwimmenden Erinnerungen zu verblassen, der weiche Kinosessel vor der großen, weißen Leinwand wurde zum unerreichbaren Sehnsuchtsort. Und so ist schon längst – nahezu zwangsläufig – das Wohnzimmer zum Ersatz-Lichtspielhaus geworden. Dank Riesen-TVs, vielleicht sogar Beamer-Projektion, sowie einer schier unendlichen Auswahl an Film- und Serientitel aus der Streaming-Datenbank haben wir es uns zu Hause gemütlich gemacht.

Und dabei gab es das große Filmbild daheim schon sehr viel früher…

Noch bevor die Videokassette den Kinofilm in den Kunststoff-Rahmen eines Farbfernsehers zusammenquetschte wurde das Wohnzimmer bereits in den 1970er Jahren zum Heimkino. Hier warfen von einer ausziehbaren Leinwand die großen Eventfilme ihr farbiges Licht auf Blümchentapeten: „Große Kinoerfolge für Ihr Heimkino – auf Super 8“. So der Slogan eines großen Filmvertriebs zu einem Format, das in den 1970er bis Anfang der 1980er Jahre das erfolgreiche Massenmedium für private Filmkopien war. In dieser Zeit war die Idee einer autonomen Programmgestaltung im Filmbereich für die meisten Bundesbürger bestenfalls eine Zukunftsvision. Aktuelle Filme sah man ausschließlich im Kino, und bei maximal vier empfangbaren Fernsehsendern war die Auswahl ernüchternd und die Ansprüche entsprechend gering. Man schaute eben, was kam.

Doch mit der Einführung des Super-8-Filmformats 1965, das auf Grund seiner besonders einfachen Handhabung schnell zum Verkaufserfolg avancierte, änderten sich langsam die Voraussetzungen. Die Möglichkeit, Lebensmomente mit einfachen Mittel festhalten zu können, sorgte für einen rasch steigenden Absatz von Super-8-Kameras und den passenden Filmprojektoren. Und damit erschienen bereits Ende der 1960er Jahre kurze, dreiminütige Ausschnitte von Filmen ohne Ton und in schwarz/weiß, mit denen der Hobbyfilmer für kleines Geld sein Privatfilmprogramm professionell ergänzen konnte. Wenige Jahre später nahm der Verkauf kommerzieller Filmkopien deutlich an Fahrt auf, und schon 1975 wurden bei einem Bestand von fast 3 Millionen Filmprojektoren im bundesdeutschen Haushalten bereits über zwei Millionen Filmkopien verkauft. Die Filme wurden länger, mit Ton versehen und in Farbe kopiert. Um aber aufgrund der hohen Materialkosten überhaupt noch verkäuflich zu sein, mussten Filmtitel in ihrer Lauflänge stark gekürzt werden.

Und so existieren (noch heute) lizensierte Veröffentlichungen von Klassikern wie „Alien“, „Dr. Schiwago“ oder „Das verflixte siebte Jahr“ in einer komprimierten Fassung von nur 17 Minuten Spielzeit. Ungeachtet dieser massiven Reduktion schlug so eine Schnittfassung in Farbe und Ton mit 149,-DM – große Löcher in die Haushaltskasse. Je nach Attraktivität oder Lizenzvereinbarung wurden Filme auch auf zwei, drei oder sogar vier Rollen zu je 17 Minuten veröffentlicht, sodass bei einem Zusammenschnitt solcher „Dreiteiler“ auf 54 Minuten ein Betrag von 450,-DM anfiel. Große Verkaufserfolge wie „Krieg der Sterne“, „Erdbeben“ oder „Das sensationelle Fußballspiel“ (ein Ausschnitt aus dem Disney-Film „Die tollkühne Hexe mit Ihrem fliegenden Bett“) erreichten bis zu 10.000 bis 30.000 verkauften Kopien (Quelle).

Angeboten wurde alles was gefiel: aus den beliebten Genre der 1970er wie dem Italo-Western, dem Eastern und dem (nicht zwingend Anti-) Kriegsfilm fanden sehr viele inzwischen vergessene Titel ihren Weg ins heimische Wohnzimmer, ebenso die klassische deutsche Sexklamotte, aber natürlich auch große Hollywood-Klassiker, Zeichentrickfilme, Science-Fiction-Filme und Krimis, aufwendig verpackt in großformatige Buchhüllen. Ehrlicherweise muss man gestehen: das meiste war Schund. Nicht umsonst betitulierte Neckarmann 1976 in einem seiner Kataloge das Schmalfilm-Heimkino als „Pantoffel-Raucher-Biertrink-Sofa-Kino“. Deutsche Vertriebsfirmen wie UFA-Büscher-Film in Essen, Piccolo-Film in München und Marketing Film aus Bochum konkurrierten um Exklusiv-Lizenzen mit den großen Filmstudios und um die Gunst der Käufer. Die bunten, attraktiv gestalteten Filmverpackungen füllten ganze Wände in Kaufhäusern und schmückten die Auslagen auch der kleinsten Fotofachgeschäfte. Filme auf Super 8 waren präsent, lockten mit aktuellen Kinofilmen für daheim, die zeitgleich zur Kinopremiere zum Verkauf angeboten wurden.

Auch in Ostdeutschland wurden Filmkopien auf Super 8 angeboten. Die DEFA produzierte für den eigenen Markt kurze 8-Minuten-Filmrollen, zumeist Kurzfassungen deutscher Stummfilmklassiker, DEFA-Produktionen und Kinderfilme, leider immer ohne Ton. Weitere Informationen zu Filmkopien in der DDR….

In seiner Hoch-Zeit konnte der liquide Filmsammler aus Tausenden von Filmtiteln in unterschiedlichster Länge und Qualitätsniveau auswählen. Diese aktive Phase hielt nur etwa 10 Jahre an, denn die Einführung der Videokassette läutete rasch das Ende von Super-8-Filmkopien ein. Bereits Mitte 1982 wurden von den großen bundesdeutschen Filmvertrieben auf Super 8 keine neuen Titel mehr veröffentlicht, bestehende Ware wurde zu Sonderpreisen abverkauft. Hartgesottene Fomatanhänger schwenkten auf komplette Filmkopien auf Super 8 um (die in Punkto Bildqualität der Videocassette haushoch überlegen blieben), und werden selbst heute mit Exklusivprodukten bei enormen Kostenaufwand bedient. Für den Hausgebrauch fand das bewegte Bild im Fernsehgerät seinen finalen Wiedergabeort.

Fast 50 Jahre liegt das nun zurück. Und auch wenn engagierte Regisseure inzwischen wieder auf Analogfilm drehen und die Bildästhetik von Super 8 gerne für beispielweise Musikvideos eingesetzt wird (ein schönes Beispiel Joy Denalane „Use me“ ) ist die Ära der Filmkopien auf Super 8 nahezu vergessen. Dabei gewinnt – gerade jetzt – die Filmkopie auf Super 8 aufgrund ihre einzigartigen Beschaffenheit und Präsentationsform an Wert. Denn sie bildet den größtmöglichen Gegenpol zur geglätteten 4k-Ästhetik des Datenstreams, dem immer perfekten Bild und Ton, das nur durch Verbindungseinschränkungen korrumpiert werden kann.

Nichts kann die Magie des Augenblicks so transportieren wie echter analoger Film, mit all seinen Einschränkungen und Alterungsprozessen wie Laufstreifen, Bildfussel und Farbveränderungen, die den Film als Material wieder erkennbar machen.

Der charakteristische Rhythmus der Feinmechanik im Filmprojektor, der Lichtkegel, der Hollywood-Träume aus einer scheinbar endlosen Abfolge real existierender Einzelbilder auf die Leinwand wirft – und dabei alle Schwebeteilchen der Raumluft dazwischen erhellt – das sind lebendige Reliquien aus der Geburtsstunde des Films. So steht die Filmkopie auf Super 8 ihren Ursprüngen Lumiere/Skladanowsky noch ganz nahe.

Diese Ursprünglichkeit ist es, die auch schon bei anderen Medien für erneute Faszination gesorgt hat. Analogfotografie, Sofortbildkameras, Schallplattenspieler und sogar die Musikkassette werden aufgrund eines Überdrusses an der digitalen Entwertung von Medienerzeugnissen wieder attraktiv. Der Super-8-Film reiht sich hier konsequent ein. Gerade als Gesellschafts-Event ist ein Super-8-Abend unter Freunden außergewöhnlich. Denn Super 8 will mit anderen geschaut werden. Auch, weil es so einfach ist: Super-8-Projektoren sind hochmobil und benötigen nur einen Stromanschluss. Noch zwei, drei Rollen Film eingepackt und das ganze bei Freunden an die Wand projiziert, der Ton läuft ohnehin über den eingebauten Lautsprecher. Und so kann man an einem Abend mehrere Meilensteine der Filmgeschichte anschauen in Versionen, die es so ausschließlich auf Super 8 gab und gibt. Für manche ein Hauptargument. Denn obwohl die Filme stark gekürzt sind, ergänzt unsere Erinnerung die fehlenden Elemente und man gewinnt den Eindruck, das ganze Werk gesehen zu haben. In 17 Minuten. Vom Filmkunstwerk zum 70er-Trash.

Und genau so darf man sich das vorstellen: der Projektor, zwischen Weingläsern auf dem Küchentisch platziert, wirft sein Bild an eine beliebige Wand. Improvisiertes Heimkino. Durch die unterhaltsame Kürze der Filme, bei deren Auswahl sich wilde Sprünge durch alle Genres anbieten, können die gewonnen Eindrücke direkt ausgetauscht werden. Denn jede gesehene Filmrolle will mechanisch zurück gespult werden, ähnlich einem Tonband. So entstehen Pausen, die anregend gesellschaftlich gefüllt werden. Der Filmabend bekommt eine gemeinschafts-induzierende Konnotation, in einem aus der Zeit gefallenen Arrangement mit vielleicht der Vergessenheit anheim gefallenen Filmtiteln in ungewohnter Ästhetik, umrahmt von dem Ritus der Projektion. Alles ist provisorisch, retro, ungewohnt und fragil. Super 8 lässt diese Unmittelbarkeit wieder fühlbar werden.

Natürlich ist der technische Einstieg etwas komplizierter, aber funktionierende Projektoren bekommt man bereits für unter 100 Euro, und gebrauchte Filmkopien sind schon für weniger als zehn Euro zu haben. Heute begeistern Liebhaber und Aktivisten ihr Publikum mit ungewöhnlichen Filmabenden: zum Beispiel spricht Moe Habli mit seinen Popcorn-Abenden in Mannheim gerade ein junges Publikum an, das hier Super 8 erstmals erlebt und feiert. Jeder Abend steht unter einem anderen Motto, ob Trash, Blaxploitation oder Retro-Horror – hier werden in lässigem Ambiente in zwei Stunden bis zu sechs Filme präsentiert und mit frischem Popcorn versüßt. Thommi Baake tourt mit seiner Super-8-Show durch Norddeutschland und präsentiert, gekleidet im frechen 70er-Design-Anzug, filmische Extravaganzen professioneller oder privater Machart eingebettet in eine Standup-Comedy. 2021/22 stehen zwei unabhängig voneinander entstandene Dokumentarfilme vor ihrer Veröffentlichung: Eberhard Nuffers „Kino spielen“ (Arbeitstitel) beleuchtet alle Facetten von analogem Heimkino, während „Demnächst auf VHS“ von André Rößler einen humorvollen Blick zurück in die Zeiten von Videotheken und Super 8 wirft – mit prominenten Interviewpartnern wie unter anderen Karl Dall, Torsten Sträter und Bülent Ceylan. Und auf Youtube versorgen Rainer Gügel und Heiko Krüger die eingeschworene Sammler-Community mit neuen Streaminginhalten zum Format.

Internationale Vernetzung wird beim Super 8 groß geschrieben. Super-8-Geschäfte in Paris oder im Ost-Englischen Grimsby beliefern ganz Europa online und damit alle, die nicht persönlich vorbei kommen können, über Ihre Webseiten, diverse Onlineshops z.B. in den Niederlanden ergänzen das Angebot. Aus den USA können noch neue Super-8-Kopien und sogar neue Kurzfassungen geordert werden, die dann in Deutschland von einer 16mm Vorlage gezogen, in Italien mit Magnetband bespurt und zurück in den USA mit Ton versehen werden. Jüngste Beispiele: die Anfangssequenz von James Bond „Skyfall“ und Schnittfassungen von „Captain America – The first Avenger“, „Godzilla“ oder „Jurassic Park„. In Spanien veröffentlichen die „SuperEighters“ Hochglanzmagazine in drei Sprachen, Michael Beyer schreibt monatlich über Super-8-Filme im Horror-Magazin „Virus“, und mit „Movie“ steht ein neues Magazin zu Schmalfilm für Deutschland in den Startlöchern. Super 8 bleibt also präsent und die Community engagiert.

Kinomagie im kleinen Format, ob für den Couchtisch im Wohnzimmer daheim oder als Veranstaltungskonzept – ein außergewöhnliches, intensives Filmerlebnis. Kann man sich mal drauf einlassen. Und hier, auf off2.de, haben Sie, liebe*r Leser*in, die Möglichkeit, einen Eindruck zu bekommen. Mit historischen Werbetrailern, Filmvorstellungen, Interviews, Fotos und einer wachsenden Zahl von Artikeln. Tauchen Sie ein bisschen ein, in die Welt von Super 8…

 

Joachim Schmidt

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