Super 8

Heimkino in der DDR

Schmalfilmkopien aus Ostdeutschland

Archiv Teubig

Aus „Die Leinwand“ – Ausgabe 4/1986

Heimkinofilme in der DDR?

Ungläubige Gesichter sind jeweils die Reaktion auf dieses Thema. Aber – es gibt sie !!!

Der einzige Anbieter von Heimkinofilmen im „anderen Staat“ ist der VEB-DEFA-Kopierwerke in Berlin Abteilung „Massenbedarf“. Der über 80seitige Katalog beinhaltet ca. 150 Titel sowohl im Super-8 als auch im Normal 8 – Format die mit kurzer Inhaltsangabe und meist auch einem Szenenfoto vorgestellt werden. Ferner werden noch Color-Dia-Serien und Color-Bildbänder (quasi ungerahmte und unzerschnittene Diastreifen die man von Spule zu Spule abrollt) in ansehnlicher Auswahl angeboten. Dieser Beitrag soll sich jedoch nur mit dem Angebot an Heimkinofilmen beschäftigen. Der größte Teil der Streifen wird in beiden Formaten ausgeliefert, lediglich bei den Neuerscheinungen ist festzustellen, daß sich hier das Super-8-Format durchgesetzt hat. Fast alle Filme sind schwarz-weiß, der Anteil der farbigen Streifen ist jedoch zunehmend.

Wer Tonfilme sucht, der wird den Katalog vergebens durchblättern, denn, so ein Originalzitat aus dem Katalog:“Unsere Heimfilme sind Ausschnitte aus Filmen des Lichtspielwesens und lassen sich deshalb nicht mit dem Originalton vertonen. Die Vertonung eines DEFA-Heimfilmes würde vollkommen neue Tonaufnahmen, Tonmischungen und Tonüberspielungen erfordern. Der dafür notwendige finanzielle Aufwand ergäbe einen unvertretbar hohen Verkaufspreis.“

Der mit der Kunst der Filmvertonung vertraute Filmfreund braucht jedoch nicht auf die Geräuschkulisse zu verzichten, denn „zu fast jedem Film wird eine ausführliche Inhaltsangabe auf einem eingelegten Blatt mitgeliefert… Ein Teil der Texte ist so abgefasst, daß sie als Manuskript für die eigene Vertonung dienen können.“ Ein Vorschlag, den der Verfasser dieses Beitrages schon aufgegriffen hat, mit dem Ergebnis, daß die Vertonung nicht nur Spaß gemacht, sondern auch ein ansehnliches Ergebnis gezeitigt hat! Die Texte und Regiehinweise sind sehr gut verwendbar.

Die DEFA-Heimfilme werden übrigens in runden Leichtmetalldosen geliefert. Bezüglich der Verpackung ist die DEFA also beispielhaft für so manche westdeutsche Firma die die teuren Streifen in billigen Pappschachteln an ihre Kunden ausliefert. Normal-8-Kopien sind mit einem blauen, Super-8-Kopien mit einem grünen Etikett versehen. Die Filme erscheinen in Längen zu 33m, 66m und 45m, wobei die Normal-8-Fassungen naturgemäß etwas kürzer sind. 66m-s/w-Fassungen kosten 22,35 DDR-Mark und 33mm s/w-Filme 15.-. Die Preise für Farbfilme sind mir leider nicht bekannt. Der Katalog, der wie gesagt über 150 Titel umfasst, gliedert sich in folgende Genres und Filmserien auf:

  • Zeichentrickfilme / Puppentrickfilme
  • Kinderfilme, von Kindern gespielt(!)
  • Märchenfilm der verschiedensten Art
  • Lustige und spannende Abenteuer
  • Tierfilme
  • Humoresken und Grotesken
  • Landschafts- und Städtefilme aus der DDR
  • Filmberichte aus dem Ausland
  • Berichtsfilme mit populärwissenschaftlichem bzw. unterhaltenden Charakter
  • Kunst und Kultur
  • Ausschnitte aus bekannten Spielfilmen
  • Archivfilme aus den Anfängen der Filmgeschichte

Für den Sammler besonders interessant sind die unter dem Oberbegriff „Aus den Anfängen des Films“ und „Aus den Beständen des staatlichen Filmarchivs der DDR“ zusammengefassten Filme. Unter dem Titel „Die ersten Filme der Welt“ werden z.B. auf 66m-Super-8 neben historischen Filmgeräten Originalstreifen aus der schon legendären Vorführung im Berliner Wintergarten vorgestellt. „Mr. Delaware und das boxende Känguruh“, „Italienischer Bauerntanz“, „Die Halluzination des Baron Münchhausen“ und einige weitere kurze Filme des französischen Film-Pioniers Georges Melies sind ebenfalls auf dieser sehr interessanten Rolle enthalten.

Unbedingt erwähnt werden muß auch die Kriminalkomödie „Wo ist Coletti?“ von Max Mack, der „Student von Prag“, sowie der 5-Teiler (insgesamt über 3OOm) „Doktor Mabuse, der Spieler“, den Fritz Lang im Jahre 1922 drehte. Auf keinen Fall vergessen werden sollte jedoch der 1929 entstandene Stummfilm „Der Sonderling“ mit Karl Valentin und Liesl Karlstadt. 4 Ausschnitte hat die DEFA veröffentlicht mit je einer Länge von 33m Super-8.

Freunde des Zeichentrick-und Scherenschnittfilms kommen ebenfalls auf ihre Kosten. In Scherenschnitt-Technik erschienen die „Bremer Stadtmusikanten“, „Der Wolf und die sieben Geißlein“ und weitere Kinderfilme. Der Zeichentrickfilm „Fritz und Fratz“ erinnert an die Tradition des deutschen Trickfilms der 2Oer Jahre. Die Original-Zwischentitel sind übrigens in Versform verfasst. Ebenfalls aus den 2Oer Jahren stammt der Puppentrickfilm „Der Ameisenstaat“. Neben DEFA-Material sind als Herkunftsländer der Filme Ungarn, die Sowjetunion, die Tschechoslowakei und sogar China festzustellen. Neben den „Heimkinofilmen“ bietet die DEFA noch eine Fülle von vorproduzierten Filmtiteln, Blenden – und Überleitungsszenen („Urlaub an der See“) in s/w und Farbe an.

Zur Qualität der Filme, die ich nur anhand der mir vorliegenden Titel beurteilen kann, ist festzustellen, daß sie in etwa dem Piccolo- und Eumig-Angebot der 60er/Anfang 70er Jahre entspricht. Der Bildstand ist zum Teil nicht gerade optimal, bewegt sich aber innerhalb einer noch zu tolerierenden Grenze. In Anbetracht der Tatsache, daß zahlreiche Titel (wie z.B. Karl Valentin) anbolute Raritäten darstellen, sind sie die Aufnahme in das Archiv des interessierten Filmfreundes durchaus wert.

Allerdings – die DEFA-Streifen werden nicht exportiert – aus Lizenzgründen. Man muß sich schon die Mühe machen, sich bei einem Verwandten- oder Messebesuch die Filme vor Ort zu besorgen. Die Fotogeschäfte, gerade in größeren Städten, verfügen teilweise über eine erstaunliche Auswahl. Wer sich bisher über den Mindestumtausch (DM gegen DDR-Mark) geärgert hat, weiß nun, wie er ihn nützlich anlegen kann.

Abschließend soll nicht vergessen werden darauf hinzuweisen, daß auch in anderen Ostblockländern das Heimkinowesen seine Freunde hat. Auch in der UDSSR sind eine Vielzahl von Titeln im Super-8-Format käuflich zu erwerben. Aber davon vielleicht ein andermal mehr …

Autor: Erich Gauding

„Die Leinwand“ Ausgabe 4/1986

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Comments (2)

  1. Ein Bericht aus einer Zeit, als die Mauer noch stand, welcher aber nur noch teilweise zutrifft. Denn 35 Jahre später, sind im Gegensatz zu Piccolo Kopien, die heute zu großen Teilen rot sind, die Farbfassungen der DEFA Heimfilme noch immer farbstabil. Auch sind explizit Piccolo Filme, oftmals aus Übernahmen stammend, zB. Buck Rogers, eher mau in der Bildschärfe oder auch im Bildstand, was also per se schon mal ein abwertendes, nicht haltbares Argument ist. In all den Jahren, seit ich als Kind der DDR solche Stücke in die Hände bekam, ist mir nie eine rotstichige Farbfassung untergekommen. Selbst s/w Titel sind oftmals von besserer Qualität in der Kopierung, als der gleiche Titel von Piccolo und Co., es sei denn, jene großen Labels damals, verwendeten aus Kostengründen selber ORWO, meist aber nur bei s/w Kopierungen, auch von hauseigenen Tonfilmen, was man ja leicht an der Perforation ablesen kann. Ein gutes Beispiel für qualitative Unterschiede ist „Nosferatu“, welcher in mehreren Teilen von der DEFA zu haben war, die Bildqualität aber um Längen besser ist, als die der bekannte Piccolo Fassung. Auch übernahm vor allem Piccolo zu Beginn, viele Titel wie „der kleine Muck“ oder auch „das kalte Herz“, aber ebenso nur in s/w. Ein seltenes, aber durchaus interessantes Objekt ist „der schweigende Stern“, eine Co-Produktion von DDR & CSSR, welcher auch als Heimfilm zu haben war, aber von Eumig unter „Raumpatrouille“ sogar als Tonfassung, in gleicher Länge herausgegeben wurde. Allein der stilechten Filmdosen wegen, sind es die DEFA Heimfilme absolut wert, genau so im Regal zu stehen bzw. zur Sammlung zu gehören, wie Titel von Marketing Film, UFA und wie sie alle hießen, die Großen Super8 Vertreiber der 70er und 80er Jahre.

  2. Erich Gauding

    Dem kann ich nur zustimmen. Auch viele Jahre,nachdem ich die Farbfilme bei einem Besuch in der „Hauptstadt der DDR“ erworben habe, sind die Farben noch immer top.
    Erich Gauding

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